
Gottgläubige sind besessen, die erste Menstruation kommt in der Dusche, eine Schülerin kann Dinge bewegen mit Gedankenkraft, ein Schulball wird zum Massaker; DePalma erzählt die Geschichte der gehänselten Carrie äußerst plakativ, aber auch unfassbar anregend, verstörend und wunderschön zugleich.
Erstaunlich geschrieben und inszenert sind auch die von King entworfenen Charaktere, sie sind in einer Sekunde hassenswert, dann wieder unglaublich liebenswürdig, keine Figur, bleibt eine Karikatur oder klischeehafte Marionette. Selbst Carrie ist Protagonist und Antagonist zugleich. Schwer umzusetzen, diese Zerrissenheit der Figuren, da weicht der Regisseur gern einmal auf platte Symbolik aus, im Grunde schafft er es aber die Geschichte spannend und stringent zu erzählen.
Was Kameramann Mario Tosi und seine Linse abliefern ist filmischer Genuss der alten Schule, er bietet nicht nur eine der schönsten Tanzszenen der Filmgeschichte, sondern bleibt nah an den Figuren, er überreizt und verstört durch seine Bilder, aber bleibt nah am Menschen. Das Konzept geht auf.
Sissy Spacek, sowie die anderen Darsteller auch, leisten erstaunliches: Sie bleibt unnahbar, hässlich, in der nächsten Sekunde aber wieder schön, fast schon lasziv. Da sieht man auch gerne mal über DePalmas Frauenbild unter Einsatz von Slowmotionduschszenen und roten sinnlichen Lippen in Großaufnahme hinweg. Der Mann hat ein absolut gestörtes Verhältnis zur Frau. Davon mal ganz abgesehen; der Film bleibt packend. Nicht zu unrecht ist dies ein Klassiker, der es sich lohnt geschaut zu werden, denn alt oder verstaubt, ist dieser Film zu keiner Sekunde.
Fazit: Audiovisuell aufregendes Drama, geschickt fotografiert, gespielt und inszeniert. Guter Horror ist schön.
7/10 Punkte
Schnell wird das Problem des Films klar; Saisore Ronan. Sie ist eine tolle Frau, eine wunderliche elfenhafte Schauspielerin, aber keine Killerin und somit keine Hanna. Keine Kampfszene nimmt man ihr ab. Ihre Kämpfe sind schwach, mit lauten Sounds überdrönnt, sonst würde man schnell merken; das funktioniert nicht.
Mal wieder schüren Trailer falsche Erwartungen; HANNA ist kein Actionthriller, vielmehr eine Coming-of-Age Geschichte die das am Ende aber leider auch vergisst. Da nützt dem experimetierfreudigen Film auch Cate Blanchett nichts, die Story bleibt planlos und arm an Substanz. Selbst die Bilder wackeln zwischen Bourne, Kill Bill 2 und Lola rennt. Die Chemical Brothers liefern einen Score in bester The social network Manier ab. Der ist frisch und hallt gut. Die Action ist züchtig, nicht wirklich kompromisslos, aber auch angenehm blutfrei und handgemacht.
So bleibt HANNA am Ende doch nur ein schwacher Film, mit einigen tollen Szenen; dem Containerhafen in Hamburg, dem Safariclub auf dem Kiez und dem Freizeitpark in Berlin.
Unterm Strich ist das aber enttäusschend, vielleicht auch weil der Film falsche Erwartungen durch das Marketing erweckt. Einen Film den ich gerne lieben würde, aber es einfach nicht kann, dabei gibt es viel gute Ansätze zu entdecken. Eine weitere Sichtung muss her, bis hierhin kann ich nur sagen, das der Film einer der interessantesten der letzten Jahre ist, in letzter Konsequenz aber unzufriedenstellend. Schade HANNA, mein Herz hast du auch verfehlt.
4/10 Punkte